«Die Schweiz war alles andere als ein unbeteiligter Zaungast»
Ein Gespräch mit Raphael Rues und Andrej Abplanalp über ihr neues Buch «Kampfzone Ossola», die Grenzen der Neutralität und vergessene Kriegsverbrechen vor der Haustür
Herr Rues, Herr Abplanalp – wie sind Sie auf das Thema Ossola gekommen? Was hat Sie beide zusammengeführt?
Andrej Abplanalp: Meine Faszination für die Region begann bereits während meines Studiums. Ich habe mich damals mit den Partisanenverbänden der Republik Ossola beschäftigt und war erstaunt, wie wenig in der Schweiz über diese Ereignisse bekannt ist – obwohl sie buchstäblich vor unserer Haustür stattfanden. Raphael und ich haben uns über unsere gemeinsame Leidenschaft für diese vergessene Geschichte kennengelernt.
Raphael Rues: Bei mir war es ähnlich. Als Historiker mit Fokus auf den Zweiten Weltkrieg bin ich immer wieder auf Spuren gestossen, die ins Ossolagebiet führten. Irgendwann wurde mir klar: Hier liegt eine Geschichte verborgen, die dringend erzählt werden muss. Als Andrej und ich uns austauschten, merkten wir schnell, dass wir die gleiche Vision teilen – nämlich diese komplexe Geschichte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, ohne sie zu vereinfachen.
Ihr Buch trägt den Untertitel «Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze». War die Schweiz wirklich nur ein unbeteiligter Nachbar?
Rues: Keineswegs. Das ist einer der grossen Mythen, die wir mit diesem Buch hinterfragen wollten. Die Schweiz war alles andere als ein unbeteiligter Zaungast. Die Kantone Tessin und Wallis spielten eine aktive Rolle bei der Unterstützung der Partisanen – oft am Rande oder sogar jenseits der Legalität.
Abplanalp: Die Tessiner Regierung beispielsweise strapazierte die offizielle Neutralitätspolitik mehrfach bis aufs Äusserste. Staatsräte wie Guglielmo Canevascini oder Giuseppe Lepori hatten eine klare antifaschistische Haltung. Sie drückten beide Augen zu, wenn Waffen über die Grenze geschmuggelt wurden oder Partisanen in der Schweiz Unterschlupf fanden. Das war keine passive Neutralität – das war aktive Hilfe.
Sie beschreiben im Buch mehrere Schweizer, die sich dem Widerstand anschlossen. Wer waren diese Freiwilligen?
Abplanalp: Da gab es ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Silvio Baccalà aus Brissago zum Beispiel, ein einfacher Gärtner, der tagsüber im Hotel Brenscino arbeitete und nachts Partisanen durch die Berge führte. Oder Vincenzo Martinetti, der Vater der Sängerin Nella Martinetti, der in den Reihen der Division Piave kämpfte und deren gesamte Logistik organisierte.
Rues: Besonders bemerkenswert finde ich Figuren wie Lindo Meraldi aus Ascona, der bereits im Spanischen Bürgerkrieg Erfahrung gesammelt hatte und diese nun gegen die Faschisten in Italien einsetzte. Oder Emanuele Bianda, der mit Schmuggelwaren ein Vermögen machte und gleichzeitig den Widerstand mit Waffen und Munition versorgte. Nach dem Krieg gründete er übrigens den Flugplatz Ascona.
Abplanalp: Diese Männer und Frauen – denn es gab auch Frauen wie Gaby Antognini, die Nachrichten übermittelte und geflohene Partisanen versteckte – riskierten viel. Martinetti wurde nach dem Krieg von einem Schweizer Militärgericht wegen Verletzung der Neutralität verurteilt. Vier Monate Gefängnis auf Bewährung. Das zeigt das Spannungsfeld, in dem sich diese Menschen bewegten.
Sie dokumentieren erschütternde Kriegsverbrechen am Lago Maggiore. Warum sind diese in der Schweiz so wenig bekannt?
Rues: Das ist eine gute Frage. Im Herbst 1943 ermordete die Leibstandarte SS Adolf Hitler mindestens 57 jüdische Menschen am Lago Maggiore – nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Die Leichen wurden auf Schulhöfen verbrannt oder in den See geworfen. Die Tessiner Presse berichtete damals darüber, aber im kollektiven Gedächtnis der Deutschschweiz ist das nie wirklich angekommen.
Abplanalp: Hinzu kommt die juristische Aufarbeitung – oder besser: deren Ausbleiben. Der Prozess in Osnabrück führte zwar zu Verurteilungen, aber durch das sogenannte Dreher-Gesetz von 1968 wurden die Täter bereits 1970 wieder freigelassen und amnestiert. Mindestens zwei dieser SS-Offiziere kehrten zwischen 1950 und 1965 mehrfach für Sommerferien an den Lago Maggiore zurück. Das muss man sich mal vorstellen.
Ein zentrales Kapitel Ihres Buches widmet sich der Operation Sunrise. Warum ist dieses Ereignis so wichtig für das Verständnis des Konflikts?
Abplanalp: Die Operation Sunrise zeigt exemplarisch, wie pragmatisch – manche würden sagen: zynisch – die Alliierten mit hochrangigen NS-Verbrechern umgingen, wenn es ihren Interessen diente. SS-General Karl Wolff, einer der mächtigsten Männer in Italien und direkt Heinrich Himmler unterstellt, verhandelte im März 1945 in Zürich und Ascona mit den Amerikanern über eine Kapitulation.
Rues: Und die Schweiz spielte dabei eine Schlüsselrolle. Max Waibel vom Schweizer Nachrichtendienst und der Pädagoge Max Husmann waren zentrale Vermittler. Ohne sie wäre die Operation wohl nicht zustande gekommen. Die Kapitulation trat am 2. Mai 1945 in Kraft – sechs Tage vor der gesamtdeutschen Kapitulation.
Aber Wolff war doch ein Kriegsverbrecher. Wie konnte er davonkommen?
Rues: Das ist der dunkle Teil dieser Geschichte. Allen Dulles vom amerikanischen OSS und auch Schweizer wie Max Husmann setzten sich nach dem Krieg aktiv dafür ein, Wolff vor der Justiz zu schützen. Husmann schrieb sogar an den amerikanischen Chefankläger in Nürnberg und mahnte, man müsse das Wolff gegebene Versprechen einer «loyalen Behandlung» einhalten.
Abplanalp: Wolff trat 1946 als Zeuge der Anklage in Nürnberg auf – obwohl er erwiesenermassen an der Deportation von 300’000 Juden nach Treblinka beteiligt war. Erst 1964 wurde er verurteilt, sass aber nur knapp zehn Jahre. Im Vergleich zu anderen führenden NS-Persönlichkeiten ist das fast eine Farce.
Rues: Die «Sunrise Connection» hielt auch nach dem Krieg. Eugen Dollmann, ein SS-Standartenführer, lebte vier Jahre lang unter falschem Namen in Lugano – unter dem Schutz der Amerikaner. Andere wie Guido Zimmer arbeiteten später für die CIA. Der beginnende Kalte Krieg machte ehemalige Nazis plötzlich zu wertvollen Verbündeten.
Zum Schluss: Was soll der Leser aus diesem Buch mitnehmen?
Rues: Dass Geschichte selten schwarz-weiss ist. Die Schweiz war nicht nur der neutrale Zufluchtsort, als der sie sich gerne darstellt. Sie war aktiver Mitspieler – im Guten wie im Schlechten. Tessiner und Walliser retteten Tausende, aber gleichzeitig wurden an der Grenze auch jüdische Flüchtlinge zurückgewiesen und in den Tod geschickt.
Abplanalp: Und dass diese Geschichte noch lange nicht fertig erzählt ist. 2024 hat die Universität Mailand begonnen, DNA-Analysen von 33 verstorbenen Partisanen durchzuführen, deren Identität bis heute unbekannt ist. Rund 30 Prozent der gefallenen Widerstandskämpfer konnten bisher nicht identifiziert werden. Die Hoffnung, dass Familien nach 80 Jahren endlich Gewissheit erhalten, lebt.
Rues: Wir haben mit diesem Buch versucht, eine komplexe Geschichte nachzuzeichnen, ohne sie zu vereinfachen. Aber wir sind überzeugt: Es gibt noch viele Geschichten aus dem Ossolagebiet, die darauf warten, erzählt zu werden.
Raphael Rues und Andrej Abplanalp: «Kampfzone Ossola – Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945», Verlag Hier und Jetzt, 2025.