Die Tessiner Widerstandskämpfer im Licht von Geissbühlers Freiheitsdenken – und was die Rehabilitierung bedeutet.
Simon Geissbühler, Schweizer Botschafter in Israel und promovierter Politologe, legt in seinem Buch Der eigenen Stimme folgen – Gegen den Strom: Renegaten, Outlaws, Einzelgänger der Freiheit (LIT-Verlag, 2026) dar, weshalb offene Gesellschaften auf Menschen angewiesen sind, die nicht mitmarschieren. Sein Befund ist klar: Freiheit beginnt im Kopf des Einzelnen, und wer gegen den Strom schwimmt, zahlt dafür fast immer einen Preis. Dieses Raster lässt sich lehrreich auf eine Gruppe anwenden, die das Schweizer Parlament im Frühjahr 2026 rehabilitieren will: Tessinerinnen und Tessiner, die zwischen 1943 und 1945 an der Seite der italienischen Resistenza gegen den deutsch-faschistischen Besatzungsapparat kämpften.

Die Historiker Raphael Rues und Andrej Abplanalp bringen Geissbühlers These auf den Punkt – faktisch, mit ihrer Publikation Kampfzone Ossola (Hier und Jetzt, 2026). Das Buch ist nicht nur eine Erzählung der Ereignisse an der Südgrenze, sondern gibt den Akteuren ein Gesicht: mit Biografien, die bis heute weitgehend unbekannt geblieben sind. Sie zeigen, was Geissbühler theoretisch beschreibt – den Bruch mit der Konformität, die innere Freiheit als Antrieb und die Bestrafung durch den eigenen Staat.
Der Einzelgänger an der Grenze
Geissbühler zitiert den rumänischen Schriftsteller Mihail Sebastian (1907-1945), für den der Tod des Individuums den Tod des kritischen Geistes bedeutet. Am Lago Maggiore, im Locarnese und in den Seitentälern des Ossola war dieser kritische Geist zwischen 1943 und 1945 keine abstrakte Idee, sondern gelebte Realität. Nach dem Waffenstillstand im September 1943 verschärfte sich die deutsche Präsenz in Norditalien drastisch. Rastrellamenti, Erschiessungen, Deportationen – all das spielte sich in unmittelbarer Nähe der Schweizer Grenze ab, oft in Sichtweite.
Wer von Locarno oder Ascona über die Grenze blickte, sah nicht die Zeitungsberichte über einen fernen Krieg, sondern dessen Konsequenzen im Alltag: Rauch, Flüchtlingsströme, Verwandte und Nachbarn in Gefahr. Aus dieser unmittelbaren Konfrontation erwuchs bei einigen wenigen der Entschluss, nicht länger zuzuschauen. Es war kein ideologischer Beschluss im engeren Sinn, sondern – um Geissbühlers Formulierung aufzunehmen – ein Akt der inneren Freiheit, der sich gegen den Konformitätsdruck der offiziellen Neutralitätspolitik stellte.
Sechs Profile, sechs Wege in den Widerstand
Was die in Kampfzone Ossola porträtierten Personen auszeichnet, ist die Vielfalt ihrer Hintergründe – und die Gemeinsamkeit ihrer Haltung.
Vincenzo Martinetti (1908–1992): Der Logistiker
Martinetti organisierte von Locarno aus die gesamte Logistik der Division Piave: Waffen, Personen, Nachrichten über die Grenze. Das entsprach exakt dem, was Geissbühler den «starken Willen» nennt, sich von der Masse zu entfernen. Martinetti war kein Theoretiker des Widerstands. Er handelte praktisch, systematisch, unter Risiko. Der ossolanische Widerstand ehrte ihn nach dem Krieg. Die Schweizer Behörden verurteilten ihn wegen Verletzung der Neutralität zu vier Monaten Haft auf Bewährung. Die Diskrepanz zwischen der italienischen Anerkennung und der schweizerischen Bestrafung fasst das Dilemma zusammen, das die Rehabilitierung auflösen soll.
Gabriella Antognini (1910–1988): Die Krankenschwester
Zusammen mit ihrer Schwester Maria half Antognini zwischen 1943 und 1945 ossolanischen Partisanen, die aus der Internierung geflüchtet waren, zurück in ihre Heimat zu gelangen. Sie überbrachte Nachrichten auf beiden Seiten der Grenze. Geissbühler schreibt, Widerstand könne auch im Schreiben, im Denken, im stillen Handeln bestehen – Herta Müllers «in den Kopf reicht niemand hinein». Antogninis Widerstand war genau das: kein bewaffneter Kampf, sondern ein Netzwerk der Solidarität, unsichtbar für die Behörden, lebensrettend für die Betroffenen. Nach dem Krieg wurde die überzeugte Kommunistin 1971 als erste Frau in den Gemeinderat von Locarno gewählt – eine späte Bestätigung ihres Willens, gegen den Strom zu schwimmen.
Silvio Baccalà (1911–1990): Der Gärtner
Baccalà war ein einfacher Gärtner, der sich während des Krieges für die Sache der Partisanen einsetzte. Seine Geschichte wurde erst spät bekannt, durch Matthias Knauers Dokumentarfilm «Die unterbrochene Spur» (1982), der Schweizer porträtierte, die Verfolgte über die Grenze gebracht und versteckt hatten. Geissbühler verweist darauf, dass wir von den meisten Einzelgängern nichts wissen, «denn sie verschwanden in Kerkern und wurden eliminiert». Baccalà verschwand zwar nicht im Kerker, aber fast vier Jahrzehnte lang im Schweigen. Dass es einen Dokumentarfilm brauchte, um seine Geschichte sichtbar zu machen, unterstreicht, wie sehr der offizielle Diskurs diese Menschen marginalisiert hat.
Lindo Meraldi (1913–2000): Der Veteran
Meraldi war ein überzeugter Antifaschist, der schon 1937 in den Spanischen Bürgerkrieg gezogen war und sich den Garibaldi-Brigaden angeschlossen hatte. Nach seiner Rückkehr kämpfte er im Ossolagebiet. 1944 fiel er faschistischen Truppen in die Hände und wurde in einem Gefängnis in Novara festgehalten. Meraldis Biografie verknüpft zwei Konflikte, in denen Schweizer Freiwillige bestraft wurden: den Spanischen Bürgerkrieg und die Resistenza. Die Rehabilitierung der Spanienkämpfer erfolgte 2009. Dass die Tessiner Resistenza-Kämpfer bis 2026 warten mussten, zeigt, wie langsam sich offizielle Narrative anpassen. Meraldi verkörpert den Typus, den Geissbühler als konsequenten Renegaten beschreibt: jemand, der wiederholt und unter wachsendem Risiko gegen die Tyrannei antrat.
Emanuele Bianda (1912–1990): Der Geschäftsmann
Bianda organisierte von Ascona aus die Logistik verschiedener Partisanenformationen. Er war kein politischer Aktivist im herkömmlichen Sinn, sondern ein Geschäftsmann, der seine Netzwerke und Ressourcen in den Dienst des Widerstands stellte. Nach dem Krieg gründete er den Flugplatz Ascona und wurde als «Mister Ascona» bekannt. Die Parallele zu Geissbühlers Analyse von Bradburys Fahrenheit 451 drängt sich auf: Wie Guy Montag, der pflichtbewusste Feuerwehrmann, brach Bianda aus seiner gesellschaftlichen Rolle aus. Er riskierte seine bürgerliche Existenz – und baute sich nach dem Krieg eine neue auf, ohne je öffentlich mit seiner Vergangenheit im Widerstand zu werben.
Giuseppe Lepori (1902–1968): Der Staatsmann
Lepori steht für einen anderen Typus: den Einzelgänger innerhalb des Systems. Als konservativer Bundesrat, Journalist und Anwalt verfolgte er als Redakteur der Zeitung Popolo e Libertà eine klare antifaschistische Linie. Während des Krieges, als Tessiner Staatsrat und Polizeidirektor, setzte er sich für die Aufnahme von jüdischen und politischen Flüchtlingen ein und unterstützte die Partisanen nach dem Zusammenbruch der Republik Ossola. Leporis Position innerhalb der Institutionen machte seinen Widerstand möglich – und zugleich besonders heikel. Er musste die Balance halten zwischen offizieller Neutralitätsdoktrin und dem, was Geissbühler die «innere Haltung» nennt, die «eingeübt und trainiert werden muss».
Zwei Brückenfiguren: Bolla und Canevascini
Neben den direkt im Widerstand Aktiven dokumentiert Kampfzone Ossola auch Persönlichkeiten, die den antifaschistischen Kampf im Tessin politisch und publizistisch trugen.
Fulvio Bolla (1892–1946), Journalist, Grossrat und später Tessiner Staatsrat, wandte sich 1938 entschieden gegen den Faschismus, nachdem er als Herausgeber der Gazzetta Ticinese zunächst rechtsorientierte Positionen vertreten hatte. Seine demokratischen Artikel während des Krieges, gesammelt im Band Difesa spirituale, bezeugen einen Wandel, der Geissbühlers Kategorie des Renegaten im Wortsinn entspricht: jemand, der eine frühere Haltung öffentlich verwirft und die Konsequenzen trägt.
Guglielmo Canevascini (1886–1965), Sozialdemokrat und langjähriger Staatsrat, war die treibende antifaschistische Kraft im Tessin. Er unterstützte aktiv die ossolanischen Partisanen. Pikantes Detail: Der überzeugte Antifaschist hatte zwischen 1908 und 1910 mehrmals einen jungen sozialistischen Revolutionär beherbergt – Benito Mussolini. Die Geschichte dieses Zusammentreffens liest sich wie eine Fussnote über die Ironie ideologischer Karrieren und verdeutlicht, wie der Faschismus seine Frühphase im Sozialismus hatte, bevor er sich in sein Gegenteil verkehrte.
Die drei Leitfiguren aus Geissbühlers Buch – Wilhelm Tell, Guy Montag, Herta Müller – spiegeln sich in den Tessiner Biografien mit bemerkenswerter Schärfe.
Der Tell-Typus: Handeln und Zurücktreten
Schillers Tell war nicht auf dem Rütli. Er handelte allein, aus persönlicher Überzeugung, und zog sich nach getaner Schuldigkeit zurück. Bianda, Martinetti, Baccalà – sie alle kehrten nach dem Krieg in ihre zivile Existenz zurück, ohne aus ihrem Engagement politisches Kapital zu schlagen. Martinetti und Bianda bauten Geschäfte auf, Baccalà blieb Gärtner. Die Individualität ihres Handelns, die keiner Parteilinie und keiner Gruppendynamik folgte, macht sie zu Tell-Figuren an der Südgrenze.
Der Montag-Moment: Vom System zum Widerstand
Guy Montag in Fahrenheit 451 ist zunächst ein braver Funktionär des repressiven Systems, bevor er durch die Begegnung mit Büchern – mit dem freien Denken – zum Renegaten wird. Meraldi und Bolla hatten ihren Montag-Moment: Meraldi bereits in Spanien, als er erkannte, dass Zuschauen keine Option war. Bolla 1938, als er seine frühere rechtsorientierte Haltung verwarf. Der Bruchpunkt, an dem jemand die Seiten wechselt, ist bei jedem anders – gemeinsam ist allen, dass er unwiderruflich ist.
Herta Müllers Diagnose: Freiheit macht ahnungslos
Müllers Beobachtung, dass die Freiheit viele im Westen ahnungslos mache, ist der schärfste Hebel für die Rehabilitierungsdebatte. Die Tessiner Widerstandskämpfer waren gerade nicht ahnungslos. Sie sahen, was Faschismus konkret bedeutete, und handelten – während die offizielle Schweiz den Blick abwandte. Antognini, die Nachrichten über die Grenze trug. Lepori, der Flüchtlinge aufnahm, obwohl Bern das nicht wollte. Canevascini, der Partisanen unterstützte. Dass der Staat sie dafür bestrafte oder zumindest nicht anerkannte, bestätigt Müllers Diagnose einer Geschichtsvergessenheit, «die offenbar durch eine lange Zeit der Freiheit entstehen» kann.

Rehabilitierung als Selbstkorrektur
Die Rechtskommission des Nationalrats hat Ende Oktober 2025 mit 16 zu 9 Stimmen die Zustimmung zum Gesetzesentwurf empfohlen, der Schweizer Freiwillige in der Resistenza und der Résistance rehabilitieren soll. Die Kommission kam zum Schluss, dass das Handeln der Freiwilligen aus historischer Sicht gerechtfertigt war. Auch der Bundesrat hält fest, dass die Widerstandshandlungen im Lichte der heutigen demokratischen Grundauffassung Anerkennung verdienen. Die parlamentarische Behandlung steht für die Frühjahrssession 2026 an.
Der Schritt ist vor allem symbolischer Art – alle Betroffenen sind inzwischen verstorben. Für die Nachkommen aber schliesst sich ein Kreis. Und für die Schweiz bedeutet die Rehabilitierung eine überfällige Selbstkorrektur: die Anerkennung, dass die Bestrafung von Menschen, die gegen Faschismus kämpften, dem eigenen Wertekanon widerspricht.
Geissbühlers Argumentationsrahmen liefert dafür die intellektuelle Grundlage: Wenn offene Gesellschaften auf Renegaten und Einzelgänger angewiesen sind, dann war die Bestrafung dieser Menschen nicht nur ungerecht, sondern ein Widerspruch zu den Prinzipien, die die Schweiz zu verkörpern beansprucht. Die Profile aus Kampfzone Ossola liefern die konkreten Gesichter dazu. Es sind keine abstrakten Freiheitskämpfer, sondern ein Gärtner, eine Krankenschwester, ein Geschäftsmann, ein Journalist, ein Velomechaniker – Menschen, die in einem bestimmten Moment entschieden, dass Zuschauen nicht reicht.
Perikles sagte gemäss Thukydides: «Erkennet das wahre Glück in der Freiheit, die Freiheit aber in kühnem Mut.» Die Tessiner Widerstandskämpfer hatten diesen kühnen Mut. Es wird Zeit, das anzuerkennen.
Quellen
- Simon Geissbühler, Der eigenen Stimme folgen – Gegen den Strom: Renegaten, Outlaws, Einzelgänger der Freiheit, LIT-Verlag, 2026. Vgl. NZZ, 13.2.2026.
- Raphael Rues / Andrej Abplanalp, Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945, Hier und Jetzt, 2026.
- Parlamentsdienste, Medienmitteilung der Rechtskommission des Nationalrats, 31.10.2025.