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Jakob Tanner kurzvortrag an der Buchvernissage im Polit-Forum Bern, 11. März 2026.

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Raphael Rues, Andrej Abplanalp: Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943-1945, Zürich: Hier und jetzt, 2026.

Kurzvortrag von Jakob Tanner an der Buchvernissage im Käfigturm/Polit-Forum Bern, 11. März 2026.

Das Thema des Buches ist tagesaktuell. Heute Vormittag, also genau jetzt, debattiert im Bundeshaus, zweihundert Meter von hier entfernt, der Nationalrat darüber, ob schweizerischen Staatsbürger:innen, welche während des Zweiten Weltkrieges die Résistance in Frankreich und die italienischen Partisanen unterstützt und auch in ihren Reihen gekämpft haben, rehabilitiert werden sollen. Dies nachdem sie damals für ihren Einsatz Bussen und Gefängnisstrafen einstecken mussten. Bleibt zu hoffen, dass das Parlament, der helvetische Gesetzgeber, seine Einsicht hat und diesen Schritt unternimmt. [Zusatz post festum: Der Vorstoss wurde angenommen!]

Immerhin zeugte nur schon der Sachverhalt, dass diese Diskussion stattfindet, von einer mentalen Verschiebung. Die starre Grenze zwischen dem «neutralen Kleinstaat» und dem «kriegsführenden Ausland», die lange Zeit das Geschichtsbild der Schweiz dominierte, ist der Erkenntnis gewichen, dass das Überleben von Demokratie und Rechtsstaat während des Zweiten Weltkrieges vom Sieg der Alliierten abhing und dass die Schweiz demnach Teil eines grösseren Ganzen war, in dem sich auch ihr eignes Schicksal entschied. Jene Schweizerinnen und Schweizer, die damals gegen das terroristische NS-Regime und den Faschismus kämpften, haben zur Befreiung Europas und auch dazu beigetragen, dass ein unerträglicher Druck von ihrem eigenen Lande wich. Es wäre also, wenn auch spät, mehr als recht, diese historische Tatsache endlich anzuerkennen.

Das Buch «Kampfzone Ossola» reiht sich ein in eine lange andauernde Diskussion um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ein und es befasst sich gleichzeitig mit der Bedeutung der Resistenza in Italien. Und es fokussiert, wie die Autoren soeben gezeigt haben, nicht auf die Regierungsebene, sondern befasst sich mit der Bevölkerung, mit den Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise vom Krieg betroffen waren und in das Geschehen zu intervenieren versuchten. Ich soll es nun, nach dieser inhaltlichen Präsentation, historisch einordnen, was eine etwas vermessene Aufgabe ist, weil auch die vorliegende Darstellung bereits viele Kontexte der damaligen Ereignisse, Episoden und Handlungen aufscheinen lässt und sich damit eigentlich selbst «einordnet». Was ich besteuern kann, sind einige historiografische Bemerkungen, die zeigen, wie sich das Buch in die historische Forschungslandschaft und in die Erinnerungskultur einfügt.

Was die Schweiz betrifft, so gab es nach Kriegsende keinen Bedarf nach Auseinandersetzung mit dem, was passiert war. Das Ansehen der Neutralität befand sich auf einem Tiefpunkt, und statt über die Gründe dafür nachzudenken und – insbesondere mit einem Beitritt zur UNO – entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen, erfand sich die Schweiz neu als «Sonderfall». Sie legte sich eine scheinheilige Vergangenheit zurecht, verdrängte unbequeme Einsichten und unterdrückte, auch mit amtlicher Hilfe, den Zugang zu den Quellen und damit auch zu den Fakten, die das Land eines Besseren hätten belehren können. So fand ein Rückzug in ein geistiges Fortifikationssystem statt und dieses so genannte «Réduit» unterstützte fortan über Jahrzehnte eine nationale Geschichtslüge.

Der antifaschistische Widerstand konnte in einer solchen Standarderzählung schon deswegen keinen Platz haben, weil sich ja das ganze Land zum umfassenden Widerstandsprojekt, zu einer «widerstandsentschlossenen Schicksalsgemeinschaft» stilisierte.

Als dann seit den ausgehenden 1960er Jahren eine kritische Geschichtsschreibung mit ihren Forschungen in den Archiven begann, blätterte der mythische Lack der Schweiz nach und nach ab. Seither wurden die Wirtschaftskollaboration, die Rüstungsproduktion, der Finanzplatz, aber auch die inhumane Flüchtlingspolitik und die Umtriebe von Schweizer Nazis zum Gegenstand einer grösseren Zahl von Studien gemacht. Auch diese – wichtige und notwendige – Aufarbeitung der Vergangenheit hat sich allerdings zunächst noch wenig um Antifaschismus, Résistance oder Partisanenkämpfe gekümmert.

In Italien hingegen war die Resistenza inzwischen zu einem nationalen Mythos geronnen. Im Unterschied zu Deutschland, das unter dem Bombenhagel der alliierten Fliegerverbände und durch das Vorrücken der Bodentruppen von aussen befreit werden musste, stand die italienische Bevölkerung noch rechtzeitig gegen ihre Besetzer und Unterdrücker auf und leistete damit einen, wenn auch weniger militärischen, so doch einen eigenständigen moralischen Beitrag zu seiner Befreiung.

Dieses Narrativ demokratischer Selbstermächtigung im vereinten Widerstand wies allerdings zunehmend Risse auf und gegen Ende der 1970er Jahren kam es zu interessanten, auch heftigen Auseinandersetzungen. 1976 hatten Anna Maria Bruzzone und Rachele Farina ihr Buch «La Resistenza Taciuta», «die verschwiegene Resistenza» veröffentlicht, in dem sie die Biografien von 12 Frauen versammelten, die in den bisherigen, zur Heroisierung neigenden Partisanen-Erzählungen schlicht nicht vorkamen. 1978 publizierte Franca Pieroni Bortolotti ihr Werk «Le Donne della Resistenza Antifascista e la questione femminile in Emilia 1943-1945», in dem die patriarchalen Strukturen der Resistenza offengelegt und gezeigt wurde, wie Frauen marginalisiert und wie die Rolle von Partisaninnen unsichtbar gemacht wurde.

Diese Geschlechterdiskriminierung überdauerte die Einführung der Republik im Jahre 1946 und hielt in der Nachkriegszeit an; während die Partisanen Ehrungen, Stellen und Renten erhielten, gingen die Frauen grossmehrheitlich nicht nur leer aus, sondern wurden wegen ihrer – einer casalinga nicht entsprechenden – Lebensführung auch noch scheel angesehen; nicht wenige der rund 35’000 Frauen, die Widerstand aktiv waren, blieben auf sich allein gestellt, sei es, dass sie sich weigerten, dem Rollenbild einer italienischen Ehefrau zu entsprechen, sei es, dass Männer sich vor ihrem kämpferischen Selbstbewusstsein fürchteten. Wer sich für den neuesten Stand dieser Diskussion interessiert, lese die 2022 erschienenen Studie von Benedetta Tobagi zur «Resistenza delle donne».

Weitere Differenzierungen im Bild des Widerstandes in Italien nahm der piemontesische Historiker Nuto Revelli (1919-2004) vor, der schon 1962 das autobiografisch inspirierte Buch «La guerra dei poveri», der «Krieg der Armen», herausgebracht hatte, indem er die soziale Dimension des Widerstandes gegen Faschismus und Wehrmacht hervorhob. 1977 folgte seine bahnbrechende Studie «Il mondo dei vinti» («Die Welt der Besiegten»), in der Revelli die piemontesischen Bauernwelt während Faschismus, deutscher Besatzung und Partisanenzeit schildert. Basiert auf Interviews mit Landbewohnern zeigt er deren ambivalente Haltung gegenüber den plötzlich auftauchenden und dann wieder verschwindenden Partisanen und ihr auf Überleben gerichteter Umgang mit den deutschen Truppen auf. Diese Landbewohner:innen hatten eine starke Präferenz für Immobilität, für das Bleiben vor Ort. Sie hatten vor allem Respekt vor Refraktären, die «nach Hause» kommen und mitarbeiten (und eben nicht kommen und gehen, wie die Kriegsparteien).

Revelli war Zeit seines Lebens ein überzeugter Antifaschist; nichtsdestotrotz warfen ihm Exponenten des Partito communista vor, die moralische Klarheit des antifaschistischen Kampfes zu verwischen. Revellis Reaktion darauf: Er kritisiere nicht den Widerstand, der notwendig war, sondern den Mythos, der ihn verklärt. Revelli will zeigen, dass bei den ca. 100’000 Partisanen, die sich vom Heer der 800’000 italienischen Soldaten, die nach dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten im September 1943 von den Besatzungstruppen der Wehrmacht in Nord- und Mittelitalien entwaffnet wurden, entfernten, ganz unterschiedliche Motivlagen und Interessen vorhanden waren. Ganz allgemein schlossen sich längst nicht alle Italienerinnen und Italiener der Resistenza an. Es gab vielmehr, gleichsam unter dem Kampf gegen die Besatzung, hässliche inneritalienische Auseinandersetzungen, die sich bei Kriegsende bürgerkriegsähnlich zuspitzten. Diese Konfrontationen wurden später weitgehend ausgeblendet, weil die Erinnerung an sie den demokratischen Wiederaufbau nur gestört hätte. Revelli wollte also bisher ungehörte, unbequeme Stimmen hörbar machen und hielt an der moralischen Komplexität des Partisanenkampfes fest. Dabei entwickelt er Überlegungen, die nun auch im vorliegenden Buch zur

«Kampfzone Ossola» angesprochen und nachvollziehbar gemacht werden.

Auch in der Schweiz erhielt damals, in den ausgehenden 1970er Jahren, der antifaschistische Widerstand mehr Aufmerksamkeit. Als Katalysator wirkte der meisterhafte Dokumentarfilm von Mathias Knauer, “Die unterbrochene Spur“, der 1982 in die Kinos kam. Der Film nimmt diese Spur wieder auf und behandelt die „antifaschistische Emigration in der Schweiz von 1933 und 1945“. Er bietet einen faszinierenden Einblick in das „Handwerk des Antifaschismus“, d.h. in die konkreten Praktiken des Widerstandes, der sich über die Grenzen der neutralen Schweiz hinweg entfalteten und eine genuin transnationale Dimension aufwiesen. Der Schlussteil des Films spielt weitgehend im Tessin und zeigt bereits vielfältige Beziehungen zur Ossola-Region auf.

Davon handelte auch der im selben Jahr, 1982, im Limmat-Verlag erschienene Roman «Das Dorf an der Grenze» von Aline Valangin (1889-1986). Die Autorin hatte diesen Text bereits 1946 im Palazzo La Barca in Comologno, weit hinten im Onsernonetal, verfasst, es fand aber bis anfangs der 1980er Jahre keinen Verleger. Nun fand es jedoch beträchtliche Resonanz.

In den darauffolgenden Jahren klinkte sich die die schweizerische Geschichtswissenschaft in diese grenzüberschreitenden Diskussionen ein. Das Historische Seminar der Universität Basel organisierte z.B. unter der Leitung von Markus Mattmüller (bei ich ab 1982 als Assistent arbeitete) mehrere Seminare in der Toskana und im Piemont, in die wir Partisanen einluden und auch Nuto Revelli an seinem Arbeitsort in Cuneo besuchten, um mit ihm über methodische Fragen der Erforschung der Resistenza zu diskutierten. Ich erinnere mich auch an eine denkwürdige Veranstaltung in Marzabotto (südlich von Bologna) im Herbst 1984, anlässlich des 40-jährigen Gedenkens an das mehrere Tage andauernden Massakers an 770 Männer, Frauen und Kinder, die von der deutschen SS nach dem Überfall auf das Dorf ab dem 29. September 1944 auf bestialische Weise ermordet worden waren, dies als Reaktion auf die erfolgreiche Operationen der Widerstandsbrigade Stella Rossa, die dann aber gegen die verbrecherischen SS-Verbände nichts ausrichten und die Zivilbevölkerung nicht zu schützen vermochten. Dafür kann diese Organisation der Resistenza selbstverständlich nicht verantwortlich gemacht werden, es zeigt sich jedoch, dass auch Widerstand die brutale Zerstörungsmaschinerie des Krieges nicht einfach aufhalten kann.

Während solche Diskussionen in Italien zunehmend im medialen Rampenlicht stattfanden, bewegten sie die schweizerische Öffentlichkeit erst wenig. Eine breitere Diskussion über antifaschistisches Engagement und die Rehabilitierung der damals bestraften Widerstandskämpfer konnte hierzulande während des Kalten Krieges nicht aufkommen. Zu festgefahren waren die ideologischen Fixierungen im bürgerlichen Lager, während auf der anderen, der linken Seite, peinliche Anbiederungen an die ebenso ideologisch aufgeladene Antifaschismus-Rhetorik der realsozialistischen Staaten, insbesondere der DDR, festzustellen waren.

Nach der Implosion des Ostblocks in den Jahren 1989/91 kam es jedoch zu geistigen Lockerungsübungen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts öffnete sich dann ein Gelegenheitsfenster für eine ernsthafte Diskussion über politische Parteien hinweg. Dies zu einem Zeitpunkt, in dem die Bergier-Kommission die Beziehungen zwischen der Schweiz und den Achsenmächten eingehend zu untersuchen im Begriff war und in dem (im August 1998) die Schweizer Banken mit den US-amerikanischen und jüdischen Klägern einen Vergleich über die nie an die Opfer zurückbezahlten «nachrichtenlosen Vermögens» abschlossen.

Die Diskussion konzentrierte sich in dieser Phase allerdings auf die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, Es ging um die Rehabilitation der rund 800 Schweizer Spanienkämpfer, die 1936–1939 gegen General Franco kämpften und die hierzulande von der Militärjustiz als «Fremden-legionäre» verurteilt worden waren. Peter Huber hat dazu grundlegende historische Forschung geleistet. Auf der politischen Ebene wurde dieser Prozess massgeblich durch parlamentarische Initiativen des SP-Nationalrats Paul Rechsteiner, der seit 1998 kontinuierlich für dieses Anliegen kämpfte und der im Jahre 2006 mit einem weiteren Vorstoss den Durchbruch erzielte, so dass das Parlament dann 2009 das «Bundesgesetz über die Rehabilitierung der Schweizer im Spanischen Bürgerkrieg» verabschiedete, welches die damaligen Urteile aufhob, da diese Kämpfer für demokratische Werte und gegen den Faschismus eingetreten waren. Dieses Gesetz markierte einen Präzedenzfall, und was jetzt für schweizerische Widerstandskämpfer:innen in Frankreich und Italien in Gang gekommen ist, folgt derselben Logik einer ausgleichenden historischen Gerechtigkeit.

Dass nun auf dem parlamentarischen Parkett ein Wandel vonstattengeht, ist massgeblich der historischen Forschung zu verdanken, die es zwar häufig schwer hat, gegen den Mythengranit der Reduit-Schweiz anzukommen, die jedoch im besten Sinne des Wortes subversiv wirkt, weil sie auf aufklärerische Weise die Menschen dazu bringt, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und damit einige Dinge neu zu sehen. Dies wiederum stärkt eine demokratische Geschichtskultur, die eine unabdingbare Voraussetzung darstellt für die breite Verständigung auf die normativen Grundlagen einer freien Gesellschaft.

Das Buch «Kampfzone Ossola» lässt sich heute in einen weiteren Rahmen einordnen, in dem ganz unterschiedliche Initiativen umgesetzt werden. Ich erwähne unter vielen nur das nationale Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus und das Projekt «Stolpersteine», in dem ich mitarbeite. Im vergangenen Sommer haben wir drei dieser Stolpersteine bei den Bagni di Craveggia hinter Spruga für drei der Partisanen gesetzt, deren Schicksal im Buch ebenfalls beschrieben wird. An diesem Beispiel erweist sich, dass sich materielle Erinnerungsobjekte und verschriftlichte Darstellungen ergänzen und wechselseitig erhellen. Dies kann, so bleibt zu hoffen, auf die Politik ausstrahlen und hier dazu Anlass geben, auf vergangene Gerichtsentscheide zurückzukommen und jene Akteur:innen ins Recht zu setzen, die damals, wie die WOZ in ihrer letzten Ausgabe treffend titelte, «zu Recht das Recht gebrochen» haben.

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