Am Dienstag, dem 25. November 2025, strahlte das SRF-Programm Schweiz Aktuell einen bemerkenswerten Beitrag über den Waffenhandel während der 1970er-Jahre aus. Im Fokus stand die Unterstützung extremistischer Terrorgruppen – sowohl von rechts als auch von links – die damals in Europa ihr Unwesen trieben und insbesondere an der Grenze zum Tessin aktiv waren.
Die vom Journalisten Marcel Niedermann gesammelten Zeugenaussagen werfen Licht auf eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Tessiner und Schweizer Geschichte. Es handelt sich um den Waffenhandel, der den Kanton Tessin in den 1970er-Jahren zu einer fundamentalen Logistikbasis für den italienischen Terrorismus machte.
SRF Schweiz Aktuell – Sendung 26.11.2025
Interview von Marcel Niedermann SRF mit Raphael Rues (Insubrica Historica) und Renato Bonetti (Associazione Fortificazioni Gambarogno)
Der Historiker Raphael Rues von Insubrica Historica präsentierte die Ergebnisse einer vertieften Recherche, basierend auf bisher unveröffentlichten Archivdokumenten. Diese Dokumente enthüllen die Anatomie eines Phänomens, das sowohl die extreme Rechte als auch die extreme Linke Italiens gleichermassen involvierte.
Die Schweiz als unfreiwilliger Komplize
Um zu verstehen, wie das Tessin und die Schweiz ungewollt zu Komplizen der europäischen Bleiernen Jahre wurden, muss man sich das Klima des Terrors vergegenwärtigen, das die italienische Halbinsel zwischen 1968 und 1982 im Würgegriff hielt. In dieser Periode wurde Italien von über 300 Attentaten und bis zu 14’000 Akten politischer Gewalt erschüttert. Vom Massaker auf der Piazza Fontana am 12. Dezember 1969 bis zum Blutbad von Bologna am 2. August 1980, über die Ermordung des Kommissars Calabresi und die Entführung Aldo Moros hinweg – die Halbinsel lebte unter der ständigen Bedrohung der «Strategie der Spannung».
In diesem Kontext eines schleichenden Bürgerkriegs wurde die neutrale Schweiz paradoxerweise zu einem Schlüsselelement. Wie Raphael Rues in seiner Forschung erläutert, fungierte «die Schweiz als Selbstbedienungsladen für Waffen» für subversive Organisationen jeglicher politischer Couleur. Die geografische Nähe, die relative Leichtigkeit des Grenzübertritts und die Präsenz schlecht gesicherter Militärarsenale machten das Tessin – aber auch den Rest der Schweiz – besonders verwundbar.
SRF Radio Interview mit R. Rues: Rolle der Schweiz während Terrorwelle in Italien
Die Schweiz als Waffenlager des italienischen Terrors - Ein Interview von Radio SRF Im gestrigen "Echo der Zeit" auf Radio SRF führte Journalist Iwan Santoro ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Historiker Raphael…
Der Funke des Tessiner Achtundsechzigs
Alles begann mit der Besetzung der Aula 20 im März 1968 an der Magistrale von Locarno. Über 250 Studierende besetzten diesen Hörsaal mehrere Tage lang. Die Studierenden, die wenige Jahre später Lehrer werden sollten, forderten und erhielten Zugeständnisse für wichtige didaktische Reformen. Dies war das erste Signal des Achtundsechzigs im Tessin.
Diese Gärung, obwohl nicht direkt verbunden, kann als Inkubator betrachtet werden. Diese späteren «Lehrer» boten in der Folge Unterstützung und Zuflucht für Elemente der italienischen Subversion, insbesondere für linke Terroristen und Anarchisten. Wichtig ist dabei festzuhalten, dass die rechtsextreme Subversion hingegen ein fast ausschliesslich importiertes Phänomen war. Es gibt nur sehr wenige Fälle von Tessinern, die in die extreme Rechte verwickelt waren. Eine einzige Ausnahme bildet wohl Bruno Breguet aus Minusio, wobei dies ein völlig eigenständiges Kapitel darstellt.
Der spektakuläre Diebstahl von Ponte Brolla
Der bedeutsamste Diebstahl ereignete sich in der Nacht vom 16. November 1972 beim Militärfort von Ponte Brolla. Drei Männer – darunter Valerio Morucci, der später zum obersten Waffenexperten der Roten Brigaden und zum Protagonisten der Entführung Aldo Moros werden sollte – gelang es, ein beeindruckendes Waffenarsenal zu entwenden: 135 Handgranaten des Typs HG 43, ein Maschinengewehr, Leuchtpistolen und über 1’400 Munitionsgeschosse verschiedener Kaliber. Der Wert der Beute belief sich auf 13’000 Schweizer Franken der damaligen Zeit, was heute etwa 50’000 Franken entsprechen würde.

Doch Ponte Brolla war kein Einzelfall. Die Forschung von Raphael Rues, unterstützt vom Fachexperten Renato Bonetti, dokumentiert eine regelrechte Epidemie von Diebstählen: Morbio Inferiore und Superiore, Locarno, Giubiasco, Airolo-Stalvedro. Das Projekt der Schweizer Armee SMUD (Schutz von Munition vor Diebstahl) von 1976 enthüllte, dass zwischen 1970 und 1975 mindestens 184 Diebstähle in schweizerischen Militärdepots registriert wurden. Mehrere dieser Diebstähle ereigneten sich im Tessin. Die alarmierendste Zahl? 76,7 Prozent der gestohlenen Waffen und Munition wurden nie wiedergefunden und bleiben nach mehr als 50 Jahren verschollen.
Mehr als nur ein Waffenlager
Der Beitrag von SRF Schweiz Aktuell erlaubt es, vergessene Aspekte aufzudecken, wie das Tessin zu einer operativen Basis für die italienische Subversion wurde. Archivdokumente zeigen, dass bereits 1971 und 1972 Koordinationstreffen zwischen Locarno und Zürich stattfanden, an denen Schlüsselfiguren wie Carlo Fioroni, der erste Kronzeuge des italienischen Terrorismus, und Oreste Scalzone von Potere Operaio teilnahmen.

Das Tessin lieferte nicht nur Waffen. Im Laufe des Jahres 1972 wurden Dutzende von Diebstählen von Identitätsdokumenten aus Automobilen registriert – Dokumente, die anschliessend von Terroristen benutzt wurden, um sich zwischen Italien und Deutschland zu bewegen. Wie Raphael Rues erneut feststellt, «wurde das Tessin – und die Schweiz – zum Transitland für den internationalen Terrorismus, zur logistischen und finanziellen Basis für subversive Organisationen», einer Tradition folgend, in der bereits Figuren wie Lenin, Stalin und sogar Hitler operiert hatten.
Die Menge des aus schweizerischen Arsenalen entwendeten Materials war beträchtlich. Aber auch Privatunternehmen wurden attackiert. Insbesondere aus Baufirmen wurden im Zeitraum 1970 bis 1975 erhebliche Mengen an zivilem Sprengstoff gestohlen. Sprengstoff, der später in den Rest Europas gebracht und für Bombenanschläge verwendet wurde.
Der einzige grosse Prozess
Der Fall wurde erst 1981 öffentlich bekannt, als in Locarno der einzige grosse schweizerische Prozess im Zusammenhang mit diesen Ereignissen stattfand. Dick Marty amtete als Staatsanwalt in einem Verfahren, bei dem die Angeklagten alle Straftaten zugaben und sie mit der Angst vor einem faschistischen Putsch in Italien rechtfertigten. Die Protagonisten der Tessiner logistischen Unterstützung wurden verurteilt und verbüssten ihre Strafe im Zuchthaus La Stampa in Lugano-Cadro.
Es war jedoch ein besonderer Prozess, da das Strafmass sehr milde ausfiel. Alle Angeklagten des Diebstahls von Ponte Brolla wurden 1982 auf Bewährung entlassen und bereits 1983 vollständig freigelassen. Eine sehr milde Strafe, wenn man bedenkt, dass immerhin rund hundert Handgranaten und erhebliche Mengen an Munition gestohlen worden waren.
Intervista Quotidiano RSI 19.10.2025 – Gli anni di piombo in Ticino
Il servizio televisivo del Quotidiano della RSI, andato in onda martedì 21 ottobre 2025, ha portato all'attenzione del pubblico ticinese le nuove scoperte emerse dalla ricerca di Raphael Rues, presentata solo due…
Die Forschung von Raphael Rues mit der technischen Beratung von Renato Bonetti zeigt auf, wie sich der politische Kontext zwischen 1972 (dem Jahr der Diebstähle) und 1981 (dem Jahr des Prozesses) vollständig gewandelt hatte. In der Zwischenzeit hatten die aus dem Tessin entwendeten Waffen bereits ihren tödlichen Lauf genommen: Granaten aus Ponte Brolla wurden bei verschiedenen Raubüberfällen und Attentaten in Italien eingesetzt.
Diese Episode der Schweizer Geschichte verdient es, nicht vergessen zu werden. Sie erinnert uns daran, dass auch ein neutrales Land ungewollt in die dunkelsten Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte verwickelt werden kann. Die Forschungsarbeit von Insubrica Historica leistet einen wertvollen Beitrag dazu, dieses Kapitel für die Nachwelt zu dokumentieren und aufzuarbeiten.