Am Mittwoch, 7. Oktober 2026, stellt Raphael Rues in Bremen das Buch «Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945» vor. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Flux in der Weserburg auf dem Teerhof und umfasst einen Vortrag mit anschliessender Diskussion. Organisiert wird der Abend von der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Bremen und der Rosa-Luxemburg-Initiative – Rosa-Luxemburg-Stiftung Bremen.

Das Buch, das Rues gemeinsam mit Andrej Abplanalp verfasst hat, erschien im März 2026 im Verlag Hier und Jetzt in der Reihe «Schweiz im Überblick». Es behandelt die rund 20 Monate, in denen die Region Ossola, eingekeilt zwischen den Kantonen Wallis und Tessin, zur Kampfzone wurde. Auf engstem Raum standen sich Partisanenverbände und deutsche Besatzungstruppen gegenüber, die von italienischen Faschisten unterstützt wurden. Die neutrale Schweiz wurde zunehmend in diesen Konflikt hineingezogen. Auf rund 190 Seiten und mit etwa 60 Abbildungen und Karten zeichnen die Autoren die Beziehungen zwischen Partisanen, Besatzern, faschistischen Milizen und Schweizer Behörden nach.
Im Zentrum steht die Partisanenrepublik Ossola, die von September bis Oktober 1944 während 40 Tagen der Wehrmacht und den faschistischen Verbänden standhielt. In dieser kurzen Zeit führte sie das Frauenstimmrecht ein. Die historische Forschung liest diese Episode mitunter als frühes Element jener demokratischen Neuordnung, an welche die ersten italienischen Nachkriegsregierungen nach 1945 anknüpften.

Die Darstellung beschränkt sich jedoch nicht auf die Partisanenrepublik. Sie behandelt verschiedene Aspekte der Besatzung und die ambivalente Haltung der Schweiz. Im Tessin duldeten Staatsräte wie Guglielmo Canevascini und Giuseppe Lepori den Waffenschmuggel über die Grenze und die Aufnahme von Partisanen. Tessinerinnen und Tessiner schmuggelten Medikamente und Waffen, versteckten Verfolgte oder kämpften in den Reihen des Widerstands, darunter Silvio Baccalà aus Brissago, Vincenzo Martinetti und Gaby Antognini. Martinetti wurde nach dem Krieg von einem Schweizer Militärgericht wegen Verletzung der Neutralität zu vier Monaten Gefängnis bedingt verurteilt. Zur gleichen Zeit wies die Schweiz jüdische Flüchtlinge an der Grenze zurück. Im Herbst 1943 ermordeten Einheiten der Leibstandarte SS Adolf Hitler am Lago Maggiore mindestens 57 jüdische Menschen, wenige Kilometer von der Landesgrenze entfernt. Ein weiteres Kapitel gilt der Operation Sunrise, bei der SS-General Karl Wolff im März 1945 in Zürich und Ascona mit dem amerikanischen Geheimdienst OSS über die Kapitulation der deutschen Truppen in Italien verhandelte. Vermittelt wurden die Gespräche unter anderem von Max Waibel vom Schweizer Nachrichtendienst und vom Pädagogen Max Husmann.
Das Erscheinen des Buches fiel in die Zeit, in der die eidgenössischen Räte über die Rehabilitierung jener Schweizerinnen und Schweizer berieten, die im Zweiten Weltkrieg in der französischen Résistance oder der italienischen Resistenza gegen den Faschismus gekämpft hatten und dafür verurteilt worden waren. Das Gesetz wurde im Juni 2026 verabschiedet.

Ein zweiter Schwerpunkt des Abends ist der Fall Waldemar Pabst. Der ehemalige Freikorpsoffizier, der im Januar 1919 die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu verantworten hatte, lebte während des Krieges 18 Monate als politischer Flüchtling im Schlosshotel Locarno. Rues hat diesen Aufenthalt umfassend erforscht und ordnet ihn in den Kontext der schweizerischen Haltung jener Jahre ein, die zwischen Unterstützung des Widerstands, Abweisung von Verfolgten und Verbindungen zum nationalsozialistischen System schwankte. Für eine Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung ergibt sich damit ein direkter Bezug zwischen der Bremer Gegenwart und der Geschichte an der Schweizer Südgrenze.

Der Tessiner Historiker Dr. Raphael Rues forscht zur Geschichte des Tessins und zu den deutsch-faschistischen Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs. Andrej Abplanalp lebte in Domodossola und forschte zur Partisanenrepublik Ossola. Heute ist er Kommunikationschef des Schweizerischen Nationalmuseums.
«Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945» von Raphael Rues und Andrej Abplanalp ist im Verlag Hier und Jetzt erschienen (gebunden, 14 × 21 cm, Fr. 29.– / € 29.–, ISBN 978-3-03919-666-1, E-Book ISBN 978-3-03919-678-4). Weitere Informationen finden sich unter www.kampfzoneossola.ch, www.insubricahistorica.ch und www.percorsodellasperanza.org.
Bildlegende: Partisanen bei den Verteidigungskämpfen der Partisanenrepublik Ossola am 10. Oktober 1944 im Valle Cannobina, unweit der Schweizer Grenze. Quelle: Casa della Resistenza Verbania

