Knapp zwei Wochen nach Erscheinen steht Kampfzone Ossola auf Platz 7 der Sachbuch-Bestsellerliste des Schweizerischen Buchhändler- und Verleger-Verbands (SBVV). Für ein regionalhistorisches Werk über die Ereignisse im Ossolagebiet zwischen 1943 und 1945 – erschienen bei Hier + Jetzt, einem Schweizer Fachverlag für Kulturgeschichte – ist das eher ungewöhnlich für 2025-2026. Ein kurzer Blick auf den Kontext zeigt, wie sie zustande kam.
Kampfzone Ossola: Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945
Das Buch «Kampfzone Ossola» beleuchtet die Rolle der Schweiz – insbesondere des Tessins und des Wallis – im Widerstandskampf an der Südgrenze während der letzten Kriegsjahre 1943–1945. Es zeigt, wie die Schweizer Neutralität in der Praxis weit mehr war als blosses Abseitsstehen: Durch die Aufnahme von Flüchtlingen und die Unterstützung der Partisanen im Ossolagebiet wurden Tausende Menschenleben gerettet. 80 Jahre danach schliesst das Werk eine Lücke in der Schweizer Geschichtsschreibung und liefert einen wichtigen Beitrag zur laufenden parlamentarischen Debatte um die Rehabilitierung jener Schweizerinnen und Schweizer, die den Widerstand in Norditalien unterstützten.
Wer die SBVV-Sachbuchliste der Woche 11 durchsieht, findet auf den ersten sechs Plätzen Titel wie Alt genug von Ildikó von Kürthy (Ullstein), Die Kunst, nicht auf alles zu reagieren von Ryushun Kusanagi (Kiepenheuer & Witsch) oder Organisch von Giulia Enders (Ullstein). Ratgeber, Lebenshilfe, populäre Wissenschaft – Bücher, die sich an ein breites Publikum richten und auf den Vertriebsstrukturen grosser deutscher Verlage aufbauen. Auf Platz 7, als Neueinsteiger markiert: Kampfzone Ossola, Rues/Abplanalp, Hier + Jetzt.
Regionalhistorische Sachbücher erreichen solche Positionen in nationalen Bestsellerlisten selten. Der direkte Vergleich mit den Mitbewerbern verdeutlicht die Ausgangslage: kein Grossverlag im Rücken, kein thematischer Massenmarkt, kein prominenter Autorenname aus dem Unterhaltungssegment. Die Platzierung beruht auf einem anderen Mechanismus.
Zwischen dem 4. und 20. März 2026 erschienen fünfzehn Presseartikel und Sendebeiträge in Deutschschweizer und Tessiner Medien. Für ein Sachbuch dieser Kategorie ist das eine aussergewöhnliche Dichte. Der zeitliche Verlauf zeigt, dass der Medienecho nicht abflaute, sondern sich über mehrere Wochen erstreckte und verschiedene Mediengattungen erfasste.
Den Auftakt machte das Tagblatt der Stadt Zürich am 4. März mit dem Beitrag Grenzland des Widerstands. Einen Tag später folgte die WOZ mit einem Artikel von Anna Jikhareva (Zu Recht das Recht gebrochen), der den rechtspolitischen Aspekt – die parlamentarische Initiative zur Rehabilitation verurteilter Schweizer Widerstandshelfer – ins Zentrum stellte. Am 8. März erschien in der NZZ am Sonntag ein Gastbeitrag von Raphael Rues über die geplante Sprengung des Simplontunnels durch die Nationalsozialisten und die Rolle der Partisanen bei deren Verhinderung.
Die Woche der Buchpräsentation im Käfigturm Bern, am 11. März, brachte die grösste Medienkonzentration. Das St. Galler Tagblatt (Annika Bangerter) und LaRegione (Cristina Pinho) publizierten am selben Tag. SRF Schweiz Aktuell sendete einen Beitrag im Abendprogramm, RSI Prima Ora brachte ein Interview mit Raphael Rues und Nationalrat Simone Gianini (PLR/Ticino).
Am Folgetag berichteten das Bieler Tagblatt (Beat Kuhn) und Journal21.ch (Rolf App). Am 13. März erschienen Beiträge in der NZZ (Matthias Venetz) und den Freiburger Nachrichten (Annika Bangerter), am 14. März ein Onlineartikel (Remi Bütler) bei SRF. Den vorläufigen Abschluss bildeten Beiträge auf SeniorWeb (17. März) und in der Schweizer Illustrierten (20. März). Ausserdem berichtete auch Watson in beiden Sprachen über das Buch.
Die Beiträge greifen das Buch aus unterschiedlichen Perspektiven auf, was die thematische Reichweite des Stoffs belegt.
Ein erster Strang ist der historisch-militärische. Journal21.ch, das Tagblatt der Stadt Zürich und SeniorWeb konzentrieren sich auf die operative Geschichte: die Ausrufung der Freien Zone Ossola im September 1944, die deutschen Repressionsoperationen, den Rückzug der Partisanen über die Schweizer Grenze, die Internierung. Das sind die Kernthemen des Buches, und sie tragen für sich.
Ein zweiter Strang ist der politisch-aktuelle. Die laufende parlamentarische Initiative zur Rehabilitation der Schweizer Staatsbürger, die wegen ihrer Beteiligung am Widerstand verurteilt worden waren, hat mehreren Beiträgen einen Nachrichtenwert gegeben, der über reine Buchbesprechung hinausgeht. Die WOZ, das St. Galler Tagblatt und die NZZ haben diesen Bogen gezogen. Das Buch erscheint damit nicht nur als historische Aufarbeitung, sondern als Beitrag zu einer laufenden Debatte über Gerechtigkeit und kollektives Gedächtnis.
Ein dritter Strang betrifft die Tessiner und gesamtschweizerische Identitätsfrage. LaRegione und RSI haben die Beteiligung von Ticinesi am italienischen Widerstand in den Vordergrund gestellt – ein Thema, das in der Deutschschweiz wenig bekannt ist und das durch die zweisprachige Medienresonanz des Buches sichtbarer geworden ist. Die Frage, ob die Schweiz eine eigene Widerstandsgeschichte hat, die bislang verdrängt oder zumindest vernachlässigt wurde, durchzieht mehrere Beiträge als Subtext.
Die Printberichterstattung allein hätte die SBVV-Platzierung kaum erklären können. Entscheidend war die Fernsehpräsenz. SRF Schweiz Aktuell erreicht täglich ein Millionenpublikum. Der nachfolgende SRF-Onlineartikel vom 14. März hat diesen Impuls verlängert. RSI Prima Ora hat dasselbe für das italienischsprachige Publikum geleistet und dabei den politischen Rahmen – das Interview von Michele Trefogli mit dem Nationalrat Simone Gianini – stärker betont. Bemerkenswert ist die Aussage von Nationalrat Simone Gianini, wonach die Arbeit Kampfzone Ossola dazu beigetragen hat, die Tessiner in das Rehabilitationsprojekt einzuschliessen.
Die Kombination aus Fernseh- und Printberichterstattung, verteilt über zwei Wochen und zwei Sprachregionen, hat ein Publikum mobilisiert, das sonst nicht zwingend zu Titeln dieser Kategorie greift.
Kampfzone Ossola ist ein wissenschaftlich fundiertes Sachbuch über eine Episode des Zweiten Weltkriegs, die im kollektiven Gedächtnis der Schweiz lange eine Randstellung einnahm. Die Partisanenrepublik Ossola, die Rolle der Schweizer Grenze, die deutschen Repressionen im Herbst 1944 – das sind keine Themen, die in Schulbüchern stehen oder im öffentlichen Diskurs präsent sind. Dass ein Buch darüber innerhalb von zwei Wochen auf Platz 7 der nationalen SBVV-Sachbuchliste gelangt, ist kein Zufall, aber auch kein Ergebnis eines ausgeklügelten Marketingplans. Es ist das Ergebnis eines Stoffs, der offenbar einen Nerv trifft: die Frage nach dem, was die Schweiz im Zweiten Weltkrieg wusste, was sie tat – und was sie verschwieg.
Die französische Ausgabe beim Genfer Verlag Slatkine ist für Sommer 2026 in Vorbereitung.
Raphael Rues und Andrej Abplanalp
Kampfzone Ossola: Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943-1945
Hier + Jetzt Verlag, 2026. ISBN 9783039196661
Ossola in Guerra: La resistenza al confine sud della Svizzera 1943-1945
Edizioni Insubrica Historica, 2026. ISBN 9788831969062
L'Ossola in Guerra: La resistenza al confine sud della Svizzera 1943-1945
Il libro «L’Ossola in Guerra: La resistenza al confine sud della Svizzera 1943–1945» fa luce sul ruolo della Svizzera – in particolare del Ticino e del Vallese – nella lotta di resistenza al confine meridionale durante gli ultimi anni di guerra 1943–1945. Mostra come la neutralità svizzera nella pratica fu ben più di un semplice stare in disparte: attraverso l’accoglienza dei profughi e il sostegno ai partigiani nell’Ossola furono salvate migliaia di vite umane. A 80 anni di distanza, l’opera colma una lacuna nella storiografia svizzera e fornisce un importante contributo al dibattito parlamentare in corso sulla riabilitazione di quelle svizzere e quegli svizzeri che sostennero la resistenza nel Nord Italia.