Am Samstag, 24. April 2027, findet von 14.30 bis 16.30 Uhr in Bern das Seminar «(Anti-)Faschismus in der Schweiz: Geschichte und Aktualität» der Schweizerischen Studienstiftung statt; der genaue Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben. Der Historiker Raphael Rues untersucht in seinem gleichnamigen Beitrag Faschismus und Antifaschismus im Tessin, einem Kanton, dessen Geschichte im 20. Jahrhundert unmittelbar durch die Nähe zu Italien geprägt wurde.

Faschismus und Antifaschismus im Tessin
Der Beitrag verfolgt die Entstehung beider Bewegungen im Tessin der Zwischenkriegszeit und fragt nach den strukturellen Grenzen, an die der Tessiner Faschismus stiess. Zu den Figuren dieser Zeit gehört Nino Rezzonico, der «Ducetto di Porza», dessen Name mit dem Marsch auf Bellinzona von 1934 verbunden ist. Den Spanischen Bürgerkrieg deutet der Vortrag als erstes antifaschistisches Signal: Zwischen 1936 und 1939 kämpften Tessiner Freiwillige auf der Seite der Spanischen Republik, mehrere von ihnen fielen an den spanischen Fronten.

Zweiter Weltkrieg, Exil und Rehabilitierung
Ein weiterer Teil gilt der Lage im Tessin während des Zweiten Weltkriegs und der Rolle der italienischen antifaschistischen Exilanten im Kanton. Tessinerinnen und Tessiner, die den Widerstand in Norditalien unterstützten, wurden dafür verurteilt. Am 19. Juni 2026 verabschiedeten die eidgenössischen Räte das Gesetz zu ihrer Rehabilitierung. Der Beitrag schliesst mit der Erinnerungsarbeit im Tessin, etwa der Gedenkfeier vom 11. August 2026 in Locarno.

Italienischer Neofaschismus im Tessin bis in die 1980er Jahre
Nach 1945 wurde das Tessin auch für die Gegenseite zum Rückzugsraum. Remo Orlandini, Finanzier des gescheiterten Putschversuchs von Junio Valerio Borghese im Dezember 1970, lebte unter anderem in Camignolo, bis er am 10. Oktober 1974 ausgewiesen wurde. Giancarlo Rognoni, Gründer der neofaschistischen Gruppe «La Fenice», hielt sich 1973 und 1974 über zwölf Monate unbehelligt im Kanton auf. Am 20. September 1972 wurden bei einer Kontrolle am Grenzübergang Brogeda in einem Wagen zwölf Sprengstoffstangen und zwei Pistolen gefunden. Geografische Nähe, gemeinsame Sprache und die mangelhafte Koordination zwischen italienischen und schweizerischen Behörden machten das Tessin zur Transitzone für flüchtige Neofaschisten, wie der Beitrag «Ticino: terra d’asilo del neofascismo italiano degli anni settanta?» zeigt.
Zur Person: Dr. phil. Raphael Rues
Dr. phil. Raphael Rues ist Historiker mit Schwerpunkt auf der Zeitgeschichte des Tessins und Norditaliens. Er studierte Wirtschaftsgeschichte an der University of Oregon (Bachelor) sowie Geschichte an der University of Leicester (Master und Doktorat); seine Dissertation behandelt die deutsche Besatzung Norditaliens 1943–1945. Ehrenamtlich leitet er die Verlagstätigkeit des Vereins Insubrica Historica und betreut den Blog insubricahistorica.ch zur Geschichte der Grenzregion zwischen der Schweiz und Italien. Er wirkt an Fernseh- und Radioproduktionen von RSI, SRF und Arte sowie an Dokumentarfilmen über den Widerstand und die Flüchtlingsgeschichte mit. Im Rahmen der Rehabilitierung wurde er von der Kommission für Rechtsfragen des Nationalrats angehört. Er ist Ko-Autor von «Kampfzone Ossola» (mit Andrej Abplanalp, Hier und Jetzt, Zürich 2026) und «Schmuggellandschaften» (u. a. mit Adriano Bazzocco, Rotpunktverlag, Zürich 2026).

