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Antifaschismus im Tessin: Seminar in Bern am 24.4.2027

Date & Time:

April 24 @ 2:30 pm - 4:30 pm

Am Samstag, 24. April 2027, findet von 14.30 bis 16.30 Uhr in Bern das Seminar «(Anti-)Faschismus in der Schweiz: Geschichte und Aktualität» der Schweizerischen Studienstiftung statt; der genaue Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben. Der Historiker Raphael Rues untersucht in seinem gleichnamigen Beitrag Faschismus und Antifaschismus im Tessin, einem Kanton, dessen Geschichte im 20. Jahrhundert unmittelbar durch die Nähe zu Italien geprägt wurde.

Der Tessiner Alt-Faschist Nino Rezzonico, bekannt als «Ducetto di Porza», gründete 1933 die Federazione Fascista Ticinese. Als Mitorganisator des gescheiterten «Marschs auf Bellinzona» wollte er den Kanton faschistisch ausrichten. Später empfing er 1956 den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer als Gast in seiner Villa in Porza. Quelle: Der Spiegel
Der Tessiner Alt-Faschist Nino Rezzonico, bekannt als «Ducetto di Porza», gründete 1933 die Federazione Fascista Ticinese. Als Mitorganisator des gescheiterten «Marschs auf Bellinzona» wollte er den Kanton faschistisch ausrichten. Später empfing er 1956 den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer als Gast in seiner Villa in Porza. Quelle: Der Spiegel

Faschismus und Antifaschismus im Tessin

Der Beitrag verfolgt die Entstehung beider Bewegungen im Tessin der Zwischenkriegszeit und fragt nach den strukturellen Grenzen, an die der Tessiner Faschismus stiess. Zu den Figuren dieser Zeit gehört Nino Rezzonico, der «Ducetto di Porza», dessen Name mit dem Marsch auf Bellinzona von 1934 verbunden ist. Den Spanischen Bürgerkrieg deutet der Vortrag als erstes antifaschistisches Signal: Zwischen 1936 und 1939 kämpften Tessiner Freiwillige auf der Seite der Spanischen Republik, mehrere von ihnen fielen an den spanischen Fronten.

Die von Piero Parini geförderten Fasci Italiani all’Estero sollten in den 1930er-Jahren Auslandsitaliener an das faschistische Regime binden. Das Dokument zeigt den sehr kurzlebigen Fascio di Locarno. Fast alle porträtierten Mitglieder waren italienischer Herkunft – ein Versuch, die faschistische Ideologie und Einflussnahme im Tessin zu verankern. Quelle: Fondazione Pellegrini Canevascini
Die von Piero Parini geförderten Fasci Italiani all’Estero sollten in den 1930er-Jahren Auslandsitaliener an das faschistische Regime binden. Das Dokument zeigt den sehr kurzlebigen Fascio di Locarno. Fast alle porträtierten Mitglieder waren italienischer Herkunft – ein Versuch, die faschistische Ideologie und Einflussnahme im Tessin zu verankern. Quelle: Fondazione Pellegrini Canevascini

Zweiter Weltkrieg, Exil und Rehabilitierung

Ein weiterer Teil gilt der Lage im Tessin während des Zweiten Weltkriegs und der Rolle der italienischen antifaschistischen Exilanten im Kanton. Tessinerinnen und Tessiner, die den Widerstand in Norditalien unterstützten, wurden dafür verurteilt. Am 19. Juni 2026 verabschiedeten die eidgenössischen Räte das Gesetz zu ihrer Rehabilitierung. Der Beitrag schliesst mit der Erinnerungsarbeit im Tessin, etwa der Gedenkfeier vom 11. August 2026 in Locarno.

Junio Valerio Borghese, ehemaliger Kommandant der faschistischen Einheit Decima MAS, blieb auch nach 1945 eine Schlüsselfigur des italienischen Rechtsextremismus. Nach dem gescheiterten Neofaschisten-Putsch (Golpe Borghese) 1970 floh er ins Ausland. Die Schweiz, insbesondere das nahe Tessin, diente Borghese und seinem Umfeld dabei wiederholt als strategischer Rückzugsort, Logistik-Drehscheibe sowie Finanz- und Netzwerkknotenpunkt für rechtsextreme Aktivitäten.
Junio Valerio Borghese (1906-1974), ehemaliger Kommandant der faschistischen Einheit Decima MAS, blieb auch nach 1945 eine Schlüsselfigur des italienischen Rechtsextremismus. Nach dem gescheiterten Neofaschisten-Putsch (Golpe Borghese) 1970 floh er ins Ausland. Die Schweiz, insbesondere das nahe Tessin, diente Borghese und seinem Umfeld dabei wiederholt als strategischer Rückzugsort, Logistik-Drehscheibe sowie Finanz- und Netzwerkknotenpunkt für rechtsextreme Aktivitäten.

Italienischer Neofaschismus im Tessin bis in die 1980er Jahre

Nach 1945 wurde das Tessin auch für die Gegenseite zum Rückzugsraum. Remo Orlandini, Finanzier des gescheiterten Putschversuchs von Junio Valerio Borghese im Dezember 1970, lebte unter anderem in Camignolo, bis er am 10. Oktober 1974 ausgewiesen wurde. Giancarlo Rognoni, Gründer der neofaschistischen Gruppe «La Fenice», hielt sich 1973 und 1974 über zwölf Monate unbehelligt im Kanton auf. Am 20. September 1972 wurden bei einer Kontrolle am Grenzübergang Brogeda in einem Wagen zwölf Sprengstoffstangen und zwei Pistolen gefunden. Geografische Nähe, gemeinsame Sprache und die mangelhafte Koordination zwischen italienischen und schweizerischen Behörden machten das Tessin zur Transitzone für flüchtige Neofaschisten, wie der Beitrag «Ticino: terra d’asilo del neofascismo italiano degli anni settanta?» zeigt.

Zur Person: Dr. phil. Raphael Rues

Dr. phil. Raphael Rues ist Historiker mit Schwerpunkt auf der Zeitgeschichte des Tessins und Norditaliens. Er studierte Wirtschaftsgeschichte an der University of Oregon (Bachelor) sowie Geschichte an der University of Leicester (Master und Doktorat); seine Dissertation behandelt die deutsche Besatzung Norditaliens 1943–1945. Ehrenamtlich leitet er die Verlagstätigkeit des Vereins Insubrica Historica und betreut den Blog insubricahistorica.ch zur Geschichte der Grenzregion zwischen der Schweiz und Italien. Er wirkt an Fernseh- und Radioproduktionen von RSI, SRF und Arte sowie an Dokumentarfilmen über den Widerstand und die Flüchtlingsgeschichte mit. Im Rahmen der Rehabilitierung wurde er von der Kommission für Rechtsfragen des Nationalrats angehört. Er ist Ko-Autor von «Kampfzone Ossola» (mit Andrej Abplanalp, Hier und Jetzt, Zürich 2026) und «Schmuggellandschaften» (u. a. mit Adriano Bazzocco, Rotpunktverlag, Zürich 2026).